Nds. Ministerium für Wissenschaft und Kultur klar

Nachhaltigkeit im Fokus: 12,2 Millionen Euro für sieben Forschungsprojekte an niedersächsischen Hochschulen

Innerhalb des Förderprogramms „Wissenschaft für nachhaltige Entwicklung“ konnten sich sieben der 50 eingereichten Projekte durchsetzen. Das Niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur und die VolkswagenStiftung unterstützen die Forschergruppen mit 12,2 Millionen Euro aus Mitteln des Niedersächsischen Vorab. Die Mittel gehen an Hochschulen im gesamten Bundesland, darunter Braunschweig, Göttingen, Hannover, Lüneburg, Oldenburg, Osnabrück und Vechta.

Auch in dieser zweiten Ausschreibungsrunde reichten die erfolgreichen Anträge über alle relevanten Themenfelder nachhaltiger Entwicklung: Ökologie, Wirtschaft, Bildung und Soziales. Aus insgesamt 50 Anträgen, die bis zum Stichtag am 15. März 2015 eingegangen waren, hat eine Gutachterkommission 15 besonders vielversprechende Projekte ausgewählt. Diese Antragstellerinnen und Antragsteller wurden zum Auswahlkolloquium am 19. und 20. Oktober 2015 ins Tagungszentrum Schloss Herrenhausen in Hannover eingeladen. Dort stellten sie sich im Anschluss an ihre Präsentationen nicht nur den Fragen der Fachgutachter, sondern auch denen von wissenschaftsinteressierten Zuhörerinnen und Zuhörern im Publikum.

Stiftung und Ministerium gehen mit diesem Begutachtungsverfahren – wie bei der ersten Ausschreibung im vergangenen Jahr – gemeinsam neue Wege, um mehr Transparenz bei der Vergabe von Fördergeldern zu schaffen und Bürgerinnen und Bürgern Einblicke in aktuelle Forschungsfragen von hoher gesellschaftlicher Relevanz zu geben. Welche Projekte letztlich zur Förderung vorgeschlagen wurden, darüber entschied ausschließlich das Gutachtergremium, das nach der Veranstaltung in einer nicht-öffentlichen Sitzung tagte. Das Ergebnis des Begutachtungsprozesses wurde heute in einer Pressekonferenz im Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur vorgestellt.

„Die auch in der zweiten Runde überwältigende Resonanz bei den niedersächsischen Hochschulen beweist, dass wir mit ‚Nachhaltigkeit‘ ein Thema aufgreifen, das auch in der Wissenschaft in der Luft liegt. Die Vielzahl der beteiligten Standorte und die Breite der beteiligten Disziplinen zeigen das eindrücklich. Das öffentliche Begutachtungsverfahren verbindet Qualitätssicherung in der Wissenschaft mit Transparenz für die Öffentlichkeit“, sagte die Niedersächsische Ministerin für Wissenschaft und Kultur, Gabriele Heinen-Kljajić.

„Es freut uns sehr, erneut eine Reihe herausragender Forschungsprojekte fördern zu können. Ich bin davon überzeugt, dass auf mittlere Sicht ihre Herangehensweisen und Ergebnisse auch überregional und international große Bedeutung finden werden“, erklärte der Generalsekretär der VolkswagenStiftung, Dr. Wilhelm Krull.

Folgende exzellente Forschergruppen bzw. Kooperationen sind mit ihren Anträgen erfolgreich (Detailinformationen über die einzelnen Projekte siehe unten):

  • Universität Oldenburg, Technische Universität Braunschweig, Leuphana Universität Lüneburg: NEMo – Nachhaltige Erfüllung von Mobilitätsbedürfnissen im ländlichen Raum
  • Universität Vechta, Universität Göttingen, Leibniz Universität Hannover, Hochschule Osnabrück, Deutsches Institut für Lebensmitteltechnik Quakenbrück: Bioökonomie 2.0: Innovationspotenziale von Nebenströmen der Lebensmittelverarbeitung
  • Universität Osnabrück, Hochschule Osnabrück, Freie Universität Berlin: Gestaltungskompetenz als Innovator für hochzuverlässige Organisationen im Gesundheitssystem
  • Leuphana Universität Lüneburg: Die Rolle der Hochschulen in der Ausbildung von Schlüsselakteuren für die Nachhaltigkeitstransformation
  • Technische Universität Braunschweig, Leibniz Universität Hannover: Metapolis – Eine inter- und transdisziplinäre Plattform für eine nachhaltige Entwicklung der Stadt-Land-Beziehungen in Niedersachsen
  • Universität Göttingen, Leibniz Universität Hannover: Nachhaltigkeit als Argument: Suffizienz, Effizienz und Resilienz als Parameter anthropogenen Handelns in der Geschichte
  • Universität Göttingen: „Diversity Turn“ in Land Use Science: Die Bedeutung sozialer Diversität für nachhaltige Landnutzungsinnovationen am Beispiel des Vanilleanbaus in Madagaskar

Die Förderumfänge der einzelnen Projekte liegen zwischen 1,0 und 2,8 Millionen Euro; die Laufzeiten betragen drei bis vier Jahre. Die Gesamtfördersumme in diesem Jahr beträgt 12,2 Millionen Euro; im vergangenen Jahr wurden rund 12,1 Millionen Euro für acht Projekte innerhalb des Programms bewilligt. Alle Informationen über das öffentliche Auswahlkolloquium finden Sie unter www.volkswagenstiftung.de/nv/nachhaltigkeit.

Weitere Informationen zum Förderprogramm unter http://www.volkswagenstiftung.de/foerderung/vorab.

Die Projektbeschreibungen im Detail:

NEMo – Nachhaltige Erfüllung von Mobilitätsbedürfnissen im ländlichen Raum (Universität Oldenburg, Technische Universität Braunschweig, Leuphana Universität Lüneburg)

Mehr als 50 Millionen deutsche Bürger leben im ländlichen Raum und haben individuelle Bedürfnisse, was Mobilität (z. B. zum Arbeits- und Ausbildungsplatz) und Versorgung (z. B. mit Lebensmitteln, Ärzten usw.) betrifft. Landkreise und Gemeinden müssen den stetig wachsenden Ansprüchen nachkommen – oft reichen Busse und Bahnen dafür nicht aus. Das Forschungsvorhaben verfolgt daher die Entwicklung innovativer und nachhaltiger Mobilitätsdienstleistungen für ländliche Räume: Es sollen neue Mobilitätsangebote für die Region um Oldenburg sowie den Landkreis Wesermarsch entstehen, an denen sich Bürgerinnen und Bürger als Anbieter beteiligen können. Ein Beispiel aus dem Vorhaben: Selten angefahrene Bushaltestellen könnten von Privatpersonen mit ihrem PKW bedient werden, was Versorgungslücken schließen und das Verkehrsaufkommen sowie die Umweltbelastung verringern würde.

Bioökonomie 2.0: Innovationspotenziale von Nebenströmen der Lebensmittelverarbeitung (Universität Vechta, Universität Göttingen, Leibniz Universität Hannover, Hochschule Osnabrück, Deutsches Institut für Lebensmitteltechnik Quakenbrück)

Das Projekt zielt darauf ab, neue Wertstoffe für die Lebensmittelproduktion (etwa Ballaststoffe, natürliche Aromastoffe, Proteine) aus den Nebenprodukten bei der Verarbeitung z. B. von Kartoffeln, Karotten und Raps zu gewinnen. Die bislang nur wenig verbreitete Verwertung dieser Nebenströme setzt voraus, dass Veränderungen in den Produktionssystemen für die Nutzpflanzen stattfinden – bei nahezu allen, die an Anbau und Verarbeitung der Lebensmittel beteiligt sind. Dass diese einzelnen Akteure sich dazu bereit erklären, Investitionen für Produktionsumstellungen zu tätigen, ist eine wichtige Voraussetzung. Die neu entstehenden Wertstoffe sollen auf Marktfähigkeit und Akzeptanz hin getestet werden, wobei die niedersächsischen Verbraucherinnen und Verbraucher mit einbezogen werden sollen.

Gestaltungskompetenz als Innovator für hochzuverlässige Organisationen im Gesundheitssystem (Universität Osnabrück, Hochschule Osnabrück, Freie Universität Berlin)

In jüngster Zeit erschrecken viele Berichte über Gesundheitsgefahren durch Behandlungsfehler. Die Fragen, die sich nun stellen, sind: Was sind die Ursachen? Wer ist dafür verantwortlich? Warum konnten sie nicht verhindert werden? Für mehr Patientensicherheit muss proaktiv agiert werden. In der Medizin konnte sich dieses proaktive Handeln bis dato nur partiell etablieren – auch der Umgang mit Fehlern ist nach wie vor schwierig. Wichtig ist jedoch die Sensibilität des Personals für potenzielle Störungen und Fehler. Auch mehr Flexibilität und Entscheidungskompetenz der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist unabdingbar, (Weiter-)Bildung ist dafür die entscheidende Basis. Hier setzt das Forschungsprojekt an und will eine interaktive Lernumgebung für das Krankenhauspersonal entwickeln und erproben.

Die Rolle der Hochschulen in der Ausbildung von Schlüsselakteuren für die Nachhaltigkeitstransformation (alle Leuphana Universität Lüneburg)

Für das Durchsetzen nachhaltiger Entwicklung sind gesamtgesellschaftliche Veränderungen erforderlich. Um diese Veränderungen zu konzipieren und anzuwenden, sind entsprechend ausgebildete Schlüsselakteure nötig – was wiederum Hochschulen auf den Plan ruft. In den letzten zehn Jahren wurden bereits mehrere Modellprojekte gestartet, in denen entsprechende Lehrpläne und Lehrformate erprobt wurden. Diese „best practice“ Beispiele sind jedoch noch nicht empirisch überprüft. Das Forschungsprojekt unternimmt nun diesen Versuch: Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler untersuchen innovative Hochschulkurse und vergleichen nachhaltigkeitsorientierte Curricula. Dabei beziehen sie Studierende, Absolventen, Lehrende, Studienberater und Arbeitgeber im Nachhaltigkeitsbereich mit ein. Eine Kooperation mit der Arizona State University bereichert das Projekt.

Metapolis – Eine inter- und transdisziplinäre Plattform für eine nachhaltige Entwicklung der Stadt-Land-Beziehungen in Niedersachsen (Technische Universität Braunschweig, Leibniz Universität Hannover)

Große, mittelgroße und kleine Siedlungen in ländlicher Umgebung sind an vielen Punkten (bei Verkehrs-, Waren- und Datenströmen sowie Handlungen ihrer Bevölkerung) miteinander verbunden. Das Forschungsprojekt untersucht, welche Strategien für nachhaltige Beziehungen zwischen Stadt und Land in Niedersachsen bestehen, welche möglich und welche sinnvoll sind. Dabei nehmen die Forscherinnen und Forscher neben städtebaulichen und stadtplanerischen sowie ökologischen und sozialen Aspekten auch Energie, Ressourcen und Mobilität in den Blick. Auch, ob sich die Konzepte politisch und gesellschaftlich durchsetzen lassen, wollen sie untersuchen. Ein zentrales Produkt des Projekts soll eine interaktive Informations- und Partizipationsplattform sein, die die gewonnenen Erkenntnisse allgemeinverständlich darstellt.

Nachhaltigkeit als Argument: Suffizienz, Effizienz und Resilienz als Para-meter anthropogenen Handelns in der Geschichte (Universität Göttingen, Leibniz Universität Hannover)

Bereits in früheren menschlichen Gesellschaften war Nachhaltigkeit ein wichtiger Aspekt für Überleben und Entwicklung, aber keineswegs eine Selbstverständlichkeit. Denn Menschen müssen über Nachhaltigkeit informiert werden, von ihr überzeugt werden, sie können andere Modelle von Nachhaltigkeit vertreten oder nachhaltiges Handeln auch ablehnen. Daher fragen die Forscherinnen und Forscher, welche Formen der Nachhaltigkeit bestehen, wie sie zu Stande gekommen sind und wie sie praktisch umgesetzt werden. Sie wollen nachvollziehbare Einflüsse von Nachhaltigkeit in der Geschichte identifizieren und analysieren. Das Vorhaben überprüft die These, dass Nachhaltigkeit als Kerngedanke im menschlichen Verhalten über alle Epochen hinweg existiert.

„Diversity Turn“ in Land Use Science: Die Bedeutung sozialer Diversität für nachhaltige Landnutzungsinnovationen am Beispiel des Vanilleanbaus in Madagaskar (Universität Göttingen)

Um landwirtschaftliche Flächen nachhaltig und gleichermaßen effizient bewirtschaften zu können, muss besonderes Augenmerk auf die Gesellschaft und Ökologie des Landes gelegt werden. In diesem Forschungsvorhaben soll ein Nachhaltigkeitskonzept entstehen, das diese regionale Vielfalt ausdrücklich berücksichtigt. Konkret wollen die Forscherinnen und Forscher am Beispiel des Vanilleanbaus in Madagaskar die Einführung von Wertschöpfungsketten untersuchen, durch die kleinbäuerliche Haushalte eng an international tätige Unternehmen gebunden werden. Das Land gehört zu den ärmsten der Welt, gleichzeitig gehören die dortigen Wälder zu denen mit besonders schützenswerter biologischer Vielfalt. Daher werden die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Frage nachgehen, wie sich das Zusammenspiel der kleinbäuerlichen Verhältnisse vor Ort mit internationalen Wertschöpfungsketten der Industrie auf Menschen und Umwelt Madagaskars auswirken. Anhand der Erkenntnisse sollen Vorschläge für nachhaltige Landnutzung entwickelt werden.

Weitere Informationen zum Niedersächsischen Vorab finden Sie unter www.volkswagenstiftung.de/vorab.

Die Pressemitteilung steht im Internet zur Verfügung unter http://www.volkswagenstiftung.de/presse.

Artikel-Informationen

04.11.2015

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