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Sommerreise 2026 von Staatssekretär Prof. Dr. Joachim Schachtner
Kultur als Anker der Demokratie
Foto: Staatssekretär Prof. Dr. Joachim Schachtner bekommt bei der Jugendbauhütte eine gläserne Münze überreicht von Melina Wüstner von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz (v.l.) und Fachanleiter Hanno Alsen, dahinter Erster Stadtrat Henning Konrad Otto (l.) und Karl-Heinz Broska, Ortskurator Helmstedt der Deutschen Stiftung Denkmalschutz.
Wie stärkt Kultur den gesellschaftlichen Zusammenhalt? Warum ist das für die Demokratie so entscheidend? Wie lässt sich dies im Alltag, vor Ort, erfahren? Fragen wie diesen widmete sich Staatssekretär Prof. Dr. Joachim Schachtner während seiner Sommerreise durch Niedersachsen.
Die Stationen führten ihn zu Kulturinitiativen, einer Bibliothek, in Museen und zu einem großen Denkmalprojekt - in der Stadt und auf dem Land. Dabei wurde deutlich: Kultur ist dann ein Anker für die Demokratie, wenn Menschen Verantwortung übernehmen, sich engagieren, Erinnerung bewahren und kulturelle Teilhabe ermöglichen. Kultur schafft Räume für Begegnung, Austausch und Mitgestaltung – und stärkt damit das demokratische Miteinander.
Kultur für alle: Teilhabe in Oldenburg
Zum Auftakt der Reise stand die Frage im Mittelpunkt, wie kulturelle Angebote für möglichst viele Menschen zugänglich gemacht werden können. In Oldenburg besuchte der Staatssekretär die KulturTafel, die Menschen mit geringem Einkommen den Zugang zu Theater-, Konzert- und Museumsbesuchen ermöglicht. Ehrenamtliche vermitteln ganz persönliche Kulturangebote und schaffen so Begegnung und Teilhabe. Die Initiative zeigt, wie kulturelle Teilhabe unabhängig vom Einkommen ermöglicht werden kann. Möglich wird dies durch Spenden und die Unterstützung der Claus-Hüppe Stiftung. Aktuell erreicht sie 1200 Personen.
Ebenfalls in Oldenburg führte die Reise zum Blauschimmel Atelier. Menschen mit und ohne Beeinträchtigung entwickeln dort gemeinsam künstlerische Projekte. Theater, Musik und Bildende Kunst werden zu Orten der Kreativität und des Austauschs – gerne experimentell. „Besonders eindrucksvoll war für mich der Einblick in eine Theaterproduktion zur Geschichte des ehemaligen Klosters Blankenburg, die sich mit Ausgrenzung und Gewalt gegen Menschen mit Behinderung auseinandersetzt“, stellt Staatssekretär Schachtner fest. Das Atelier zeigt, wie künstlerische Arbeit gesellschaftliche Debatten anstoßen und bislang wenig gehörten Perspektiven Sichtbarkeit verleihen kann. Das Atelier geht auf das Engagement der Antipsychiatrie-Bewegung zurück. Die so angestoßenen Veränderungen zeigt auch das Projekt von FSJ-Kulturlerin Tomke Wiese: Sie hat einen Film zur Geschichte des Blauschimmel Ateliers gedreht.
Orte der Begegnung im ländlichen Raum
Wie Demokratie vor Ort gestärkt werden kann, zeigte die Gemeindebücherei Rastede. Längst ist die Bibliothek mehr als ein Ort für Bücher. Mit Veranstaltungen, Angeboten für alle Altersgruppen und ohne Barrieren schafft sie Möglichkeiten für Austausch und Diskussion – gerne auch im hauseignen Lesecafé. Sogar mit Bobbycars darf Literatur erlebt werden.
Als Teil des Projekts „Land.schafft.Demokratie“ engagiert sich die Bücherei zudem gezielt für politische Bildung und den gesellschaftlichen Dialog. Damit übernimmt sie eine wichtige Funktion als offener und konsumfreier Ort der Öffentlichkeit. Davon konnte sich der Staatssekretär selbst überzeugen: Als die Bibliothek öffnete während seines Besuches, eilten Kinder wie Erwachsene an die Ausleihe und zu den Regalen. Eine Frau unterbrach das Gespräch, sie müsse eines kurz loswerden: Die Bücherei sei wunderbar. Während der Sommerferien nutzen täglich rund 200 Menschen die digitalen und gedruckten Angebote der Bücherei.
Geschichte bewahren, Zukunft gestalten
In Delmenhorst stand die ehemalige Norddeutsche Wollkämmerei und Kammgarnspinnerei im Mittelpunkt. Das Gelände auf dem sich das Norddeutsche Museum für Industriekultur befindet, erzählt von Industrialisierung, Arbeitsmigration und sozialen Veränderungen. Zugleich zeigt die Entwicklung des heutigen Museumsstandorts, wie wichtig bürgerschaftliches Engagement für den Erhalt historischer Orte ist. Ohne den Einsatz engagierter Bürgerinnen und Bürger wären wesentliche Teile des Ensembles verloren gegangen, als 1981 die Produktion endete und ein Abriss begann. Heute digitalisieren Ehrenamtliche die historische Mitarbeiterkartei der Nordwolle – wichtig für Familienforschung, Rentenbescheide oder Sozialgeschichte.
Der Standort verbindet Industriegeschichte, Kulturarbeit und Bildungsangebote und verdeutlicht so, wie Erinnerung zu gesellschaftlichem Engagement werden kann. In Zukunft soll das Museum die Industrie- und Stadtgeschichte noch enger miteinander verknüpfen und den Blick auf weitere prägende Branchen wie die Linoleumproduktion sowie den Wandel Delmenhorsts von der Ackerbürgerstadt zum Industriestandort richten. Als Teil der Initiative „FrauenOrte Niedersachsen“ erinnert das Museum an die Fabrikarbeiterin, Gewerkschafterin und Betriebsrätin Ruth Müller (1922–2008) und erzählt Industriegeschichte bewusst auch aus der Perspektive der Frauen, die die Entwicklung des Standorts geprägt haben.
Verantwortung übernehmen und Zukunft gestalten
In der Jugendbauhütte Helmstedt erleben zehn junge Menschen Demokratie ganz praktisch. Im Rahmen eines Freiwilligen Sozialen Jahres in der Denkmalpflege sichern und restaurieren sie historische Bausubstanz: mit traditionellen Baustoffen wie Lehm und Kalk, mit nachhaltigen Materialien wie Baustoffen aus Pilzmyzel und Hanf. Sie sichern in Helmstedt Kramers Gut, eine denkmalgeschützte Hofanlage aus dem 17. Jahrhundert. Die Stadt hat das Ensemble 2023 übernommen. Entstehen sollen soziale Einrichtungen und Flächen für Gastronomie, Gewerbe und Wohnen. Auf diese Weise soll in den kommenden acht Jahren ein lebendiges Quartier im Zentrum von Helmstedt entstehen. Bei der Sanierung lernen die jungen Bauhütten-Mitglieder mehr als Handwerkstechniken. Sie übernehmen Verantwortung für das kulturelle Erbe der Region. In einer Stadt, die seit Jahren mit Bevölkerungsrückgang und erheblichem Leerstand zu kämpfen hat, steht das Projekt zugleich für die Frage, wie historische Bausubstanz neue Perspektiven für das Zusammenleben vor Ort eröffnen kann. Auch persönlich bringt das Jahr die Engagierten weiter, viele entscheiden sich, ihren beruflichen Weg im Handwerk oder mit einem Studium fortzusetzen.
Erinnerung als Auftrag für die Gegenwart
Den vorläufigen Abschluss der Reise bildete Osnabrück. Im Felix-Nussbaum-Haus und in der Villa Schlikker stand die Frage im Mittelpunkt, welche Bedeutung Erinnerungskultur für die Demokratie heute hat. Und wie man demokratische Werte gegen Anfeindungen schützen kann. Die Werke des von den Nationalsozialisten 1944 in Auschwitz ermordeten Künstlers Felix Nussbaum führen die Folgen von Ausgrenzung, Antisemitismus und Menschenfeindlichkeit eindrücklich vor Augen. Zu sehen sind die mehr als 200 Gemälde im 1998 vom amerikanischen Architekten Daniel Libeskind entworfenen Museumsbau. Direkt daneben steht die ehemalige Industriellenvilla Schlikker, in der während der NS-Zeit die Gestapo ihren Sitz hatte. Seit 2024 ist sie ein Forum für Erinnerungskultur und Zeitgeschichte. Hier kann sich jeder Gast selbst zum Thema Zivilcourage befragen: Wie würde ich mich verhalten? Zwei Häuser zeigen: Wer sich mit NS-Geschichte beschäftigt wird sich Fragen zur Zukunft unserer Gesellschaft stellen. Die Freiheit von Kunst und Kultur gegen Anfeindungen zu schützen, dazu schloss der Termin mit einer Diskussionsrunde aus Kulturverwaltung, Museen und Gedenkstätten ab.
Ein Dorf als Bühne, eine Bühne für Demokratie: Forum Heersum
Wie Demokratie im gemeinsamen Handeln entsteht, zeigte die letzte Station der Sommerreise im Forum Heersum. Seit vielen Jahren verbindet das Theater Kunst, gesellschaftliche Fragen und Engagement von Menschen vor Ort. Theater ist hier nichts Fertiges, sondern ein gemeinsamer Prozess, in dem unterschiedliche Perspektiven zusammenkommen, Aushandlungsprozesse stattfinden und neue Ideen entstehen.
Im Sommer 2026 gastieren die Heersumer Sommerspiele auf Einladung des Ortsrates im Hildesheimer Nordkreis. In Garmissen-Ahstedt-Garbolzum dreht sich in diesem Jahr alles um die Zuckerrübe. Das Freilichttheaterstück „Dr. Rübenstein“ nimmt Themen wie globaler Handel, Gentechnik oder die Bedeutung lebendiger Böden in den Blick und verbindet diese mit unterhaltsamem Theater. Aus einer Wiese direkt am Rübenacker ist so eine Freilichtbühne entstanden. Die Zuschauerinnen und Zuschauer ziehen während der Aufführungen mit ihren Hockern von Spielort zu Spielort und werden Teil des Geschehens.
Der Besuch des Staatsekretär Prof. Dr. Joachim Schachtner begann in einer ehemaligen Kartoffelhalle, in der heute statt Landmaschinen Tribünen, Requisiten und Kunstwerke aus Zuckerrüben Platz finden. Beim Austausch mit Engagierten aus Landwirtschaft, Kultur und Ehrenamt wurde deutlich, welche Herausforderungen viele Dörfer bewegen: Gemeinsame Erfahrungsräume werden seltener, die Distanz zwischen verschiedenen Lebenswelten wächst, gesellschaftliche Debatten verlaufen oft konfliktgeladen. Umso wichtiger sind Orte, an denen Menschen miteinander ins Gespräch kommen und gemeinsam etwas gestalten können.
Genau das geschieht beim Forum Heersum: Mehr als 100 Menschen unterschiedlichen Alters und mit verschiedenen beruflichen und kulturellen Hintergründen wirken an den diesjährigen Sommerspielen mit. Sie entwickeln gemeinsam Ideen, bauen Kulissen, organisieren Veranstaltungen oder stehen selbst auf der Bühne. Künstlerinnen und Künstler arbeiten dabei auf landwirtschaftlichen Höfen, Ehrenamtliche bringen sich mit ihren Erfahrungen ein, und aus vielen einzelnen Beiträgen entsteht ein gemeinsames Projekt.
Künstlerische Arbeit wird hier zur Form gesellschaftlicher Auseinandersetzung – offen, partizipativ und aus dem Engagement vieler. Das Forum Heersum macht damit deutlich, dass Demokratie kein fertiger Zustand ist, sondern immer wieder neu entsteht: im Zuhören, im Mitmachen und im gemeinsamen Gestalten.
Fazit
Was bleibt von der Reise? Für Staatssekretär Schachtner vor allem die Begegnungen mit den Menschen, die Kultur mit großem Engagement gestalten. Sein Fazit: „Gerade in Zeiten gesellschaftlicher Spannungen brauchen wir Orte, die Austausch ermöglichen, unterschiedliche Perspektiven sichtbar machen und Zusammenhalt stiften. Die Einrichtungen, die ich besucht habe, leisten genau das. Sie zeigen, dass Kultur ein unverzichtbarer Teil einer demokratischen Gesellschaft ist.“
